[Kurzvortrag - Teil I] „Aber es gibt immer irgendwas Positives an einem Text.“ – Die linguistische Lernertextanalyse und ihr kompetenzorientierter Umgang mit Grammatikfehlern

Rode Veiga-Pfeifer

 

Zielgruppe: Lehrende Sek I/II, Lehrende in der Erwachsenenbildung, Lehrende an der Hochschule

 

Bevor Lehrkräfte mit der sprachlichen Förderung eines Lernenden beginnen können, ist es unablässig, im Rahmen einer Diagnostik mögliche sprachliche Potenziale sowie Förderbedarfe der jeweiligen Lernenden genau zu ermitteln. In diesem Kontext kann u.a. die linguistische Lernertextanalyse2 eingesetzt werden (vgl. Triulzi et al. 2019). Dabei werden authentische Text(teile) von Sprachlernenden anhand unterschiedlicher Sprachebenen (Syntax, Morphologie, Lexik, Orthographie) untersucht. Grundlegend bei ihrem Einsatz ist jedoch, dass die Lehrkraft über linguistische Grundkenntnisse verfügt und bei der Analyse ressourcen- und nicht defizitorientiert vorgeht.

 

Im Rahmen der Analyse werden auf der einen Seite die sprachlichen Stärken der Lernenden gewürdigt, indem zunächst die im betreffenden Text zielsprachlich angemessenen Formulierungen herausgearbeitet werden. Auf der anderen Seite werden potenzielle Förderbedarfe der jeweiligen Lernenden ermittelt. Dafür werden zielsprachlich nicht angemessene Formulierungen sowie ihre möglichen Ursachen untersucht. Wichtig ist dabei die Berücksichtigung des gesamtsprachlichen Repertoires der jeweiligen Lernenden, weswegen sowohl die Herkunftssprache(n) als auch weitere vorhandene Sprachkenntnisse der betreffenden Lernenden in die Analyse miteinbezogen werden.

 

Theoretische Grundlage stellen die Kontrastiv- sowie die Identitäts- und die Interlanguage-Hypothese (vgl. Lado, 1957, Dulay & Burt 1974, Selinker, 1972) dar. Auch wenn die Kontrastivhypothese schon etwas älter ist, ist sie im Rahmen der hier vorgestellten Analyse von Relevanz, da sie die Erstsprache bzw. Ausgangssprache (L1) der Lernenden beim Sprachlernprozess berücksichtigt. Gerade, wenn man versucht, fehlerhafte Äußerungen von Lernenden zu erklären, liefert sie eine zu berücksichtigende Kategorie: die Interferenzen aus der jeweiligen Ausgangssprache. Die Vortragende distanziert sich jedoch von der Annahme, dass Fehler im Sprachlernprozess ausschließlich auf die L1 der Lernenden zurückzuführen sind. Auch intralinguale Fehler, welche der Zielsprache selbst geschuldet sind, spielen eine wichtige Rolle dabei. Schließlich sind beide Fehlerquellen Teil der sogenannten Interlanguage (auch Lernersprache oder Interimsprache genannt) von Sprachlernenden. 

 

Wie eine linguistische Lernertextanalyse konkret gestaltet werden kann und welche Potenziale sie für die Unterrichtspraxis bieten kann, soll exemplarisch im hier vorgeschlagenen Beitrag dargestellt werden. Dabei werden authentische schriftliche Sprachdaten von mehrsprachigen Deutschlernenden exemplarisch eingesetzt.

 

Literatur: 

- Dulay, Heidi C. & Burt, Marina K. (1974): You can’tlearn without goofing. In Jack C. Richards (Ed.), Error Analysis. Perspectives on Second Language Acquisition (pp. 95–123). London: Longman. 

- Lado, Robert (1957): Linguistisc across cultures: applied linguistics for language teachers. Ann Arbor: Univ. of Michigan Press. - Selinker, Larry: Interlanguage. International Review of Applied Linguistics 10: 219-231. 

- Trulzi, Marco/ Maahs, Ina-Maria/ Steinborn, Waltraud/ Veiga-Pfeifer, Rode/ Hacısalihoğlu, Erol (2019): Mehrsprachigkeit als Bildungspotenzial. In: Wassermann, Marvin / Scholz, Janek / Zahn, J. (Hrsg.): DaZ-Unterricht in Seiteneinsteigerklassen. Bern: Peter Lang (eingereicht).

 

Angaben zur Person

Rode Veiga-Pfeifer hat an der RWTH Aachen und an der Universität Duisburg-Essen Deutsch und Spanisch auf Lehramt (I. Staatsexamen) studiert sowie die Zusatzqualifikation Deutsch als Zweitsprache/Interkulturelle Pädagogik absolviert. Anschließend arbeitete sie als Lehrkraft für Germanistische Linguistik, Deutsch als Fremdsprache und Brasilianisches Portugiesisch an verschiedenen Universitäten in NRW. Sie promoviert im Bereich der Kontrastiven Linguistik (Deutsch-Portugiesisch) sowie in der Fremdsprachenerwerbsforschung. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Sprachvergleiche sowie in der linguistischen Analyse von DaZ-/DaFLernertexten. Im Mercator-Institut ist sie im Weiterbildungsstudium DaZ tätig.

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