[Kurzvortrag - Teil 1] Alphalernberatung – Sozialraumorientierte Lernberatung für funktionale Analphabeten mit Migrationshintergrund

Judith Böddeker

 

Die leo. – Level-One Studie zeigt, dass in Deutschland 3,1 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund unzureichend lesen und schreiben können. Eine derart hohe Anzahl Deutsch- und Schriftlernenden steht zurzeit eine sehr kleine Zahl Lernern in Kursen für Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit zur Verfügung. Der Bedarf an Angeboten zur Alphabetisierung und Grundbildung ist somit sehr groß und stellt Praxis und Wissenschaft vor große gesellschaftsrelevante Aufgaben. Eine große Schwierigkeit ist es, trotz der vielen Deutsch- und Schriftlernenden, die Betroffenen zu erreichen. Hier setzt das Projekt Alphalernberatung an: Es findet eine sprach- und kultursensible Ansprache der Betroffenen in der Erst- und Zweitsprache(n) statt mit dem Ziel einer alphabetisierungsorientierten Lernberatung. Dabei werden verschiedene Beratungsansätze genutzt: Es wird die individualpsychologisch orientierte Lernberatung behandelt, die davon ausgeht, dass schriftliche Defizite im Erwachsenenalter in vielen Fällen durch eine in der Kindheit angelegte Lernblockade verstanden werden. Bei systematisch orientierten Lernberatungsansätzen wird die Lernsituation von Erwachsenen im Rahmen der gesamten Lebenssituation betrachtet. personenzentrierte Beratung lehnt sich an Vorschläge von Rogers (1995) an und wird z. B. in der Fremdsprachenarbeit mit Erwachsenen eingesetzt, weshalb dort von Sprachlernberatung gesprochen wird.

Es kann nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass in Beratungsansätzen z. T. die vorausgesetzte Lernerautonomie bei allen Beratungssuchenden aus bildungsfernen Familien vorliegt. Eine u. U. stärkere Steuerung durch Beratende kann notwendig sein. Im Vortrag wird die Relevanz solcher Beratungsansätze auch für anders gelagerte (formale) Angebote, etwas Unterricht, diskutiert sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Beratungsansätze für formale Angebote besprochen.

 

Literatur:

Fuchs-Brüninghof, Elisabeth (2000): Lernberatung – die Geschichte eines Konzepts zwischen Stigma und Erfolg. In: Nuissl, Ekkehard/Schiersmann, Christiane/Siebert, Horst (Hrsg.): Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung. Nr. 6, S. 81 – 92.

Grotlüschen, Anke/Riekmann, Wibke (2011): Leo. – Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus. Online unter: https://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Dateien/Downloads_Texte/leo-Presseheft-web.pdf – Stand: 25.10.2018.

 

Kleppin, Karin/Mehlhorn, Grit (2008): Sprachlernberatung im schulischen Kontext. In: Fremdsprache Deutsch 38/8, S. 46 – 51.

 

Rogers, Carl R. (1995): Die nicht-direktive Beratung. Frankfurt a. M.: Fischer.

 

Angaben zur Person:

Judith Böddeker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Alphalernberatung“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zuvor war sie an der Universität Duisburg-Essen im Projekt „Integration von Seiteneinsteiger*innen in das Berufskolleg“ sowie an der Universität Marburg im Projekt „Alphamar 2“ tätig. Frau Böddeker hat an der Universität Gießen die Fächer Deutsch als Fremdsprache, Englisch, Spanisch und Didaktik studiert und zum Einsatz von Lernstrategien in Alphabetisierungskursen promoviert.

Abonnieren Sie unseren
Newsletter

"Ziel jedes sprachenpolitischen Engagements ist die Förderung der Mehrsprachigkeit. Dies schließt die Durchsetzung einer Sprache auf Kosten anderer Sprachen aus."

- Strobler Thesen 

Der ÖDaF ist Mitglied des IDV

Der ÖDaF ist Mitglied des ÖSKO

       

ÖDaF
Österreichischer Fachverband für Deutsch
als Fremdsprache/Zweitsprache
c/o Fachbereich Deutsch
als Fremd- und Zweitsprache
Institut für Germanistik
Universität Wien
Universitätsring 1
A - 1010 Wien

Bankverbindung (lautend auf ÖDaF):
P.S.K. - BLZ: 60000
Kto.Nr.: 7.963.205
BIC: BAWAATWW
IBAN: AT79 6000 0000 0796 3205
Darstellung: